© Ernst Merkinger

Trendthema
07/02/2020

Weitwandern. Von Alm zu Alm. Von Kaiserschmarrn zu Kaiserschmarrn.

Weitwandern ist für mich Meditieren mit den Füßen, ein Wandern von einem köstlichen Kaiserschmarrn zur nächsten selbst-gemachten kulinarischen Hüttenspezialität, die bewusste Entscheidung zu treffen für einen längeren Zeitraum aus dem getakteten Hamsterrad des Alltags auszusteigen, um in die Natur des Seins einzutauchen, ein Entschleunigen, um Schritt für Schritt sein Ziel zu erreichen, aber gleichermaßen auch sich selbst Schritt für Schritt näher zu kommen, offener zu werden, Gams und Steinbock einen Besuch abzustatten, etc.

von Ernst Merkinger

 

Die Unterschiedlichkeiten von Mehrtages-Touren

Per Definition wird bei Mehrtages- Touren zwischen Trekking, Weitwandern und Fernwandern unterschieden. Weitwandern und Trekking unterscheiden sich insofern, dass bei Ersterem ein Übernachten in Hütten, Pensionen oder Hotels stattfindet, wohingegen beim Trekking auf eine feste Unterkunft verzichtet, stattdessen im Freien gezeltet wird. (Anmerkung: Trekking kommt übrigens vom Englischen „trek“ und bedeutet soviel wie‚ anstrengender Marsch.) Die Königsdisziplin der Mehrtagestouren sind Fernwanderwege, die über 30 Tagesetappen sich… ja, manchmal auch ziehen können. Der Salzburger Almenweg mit 31 Etappen, 350 Kilometer ist ein ebenso empfehlenswertes Beispiel wie der Alpe Adria Trail, der von der Gletscherzunge der Kaiser- Franz-Josefs-Höhe am Großglockner bis zur Adria ans Meer für ca. 43 Etappen und 750 Kilometer verläuft. Dann wäre da noch das Weitwandern mit religiöser Reiseabsicht – das Pilgern. „Pilgern“ geht auf das lateinische Wort „pergere“ zurück und bedeutet „in der Fremde“. 2016 haben sich knapp 278.000 Pilger entschieden in die Fremde, nach Santiago de Compostela/Spanien, zu ziehen. Soviel wie nie zuvor. Zu jenen 278.000 Pilgern hab´ auch ich damals am Camino Frances gehört. Seit diesem Zeitpunkt hat mich die Begeisterung für das „Weitwandern“ oder „Weitbummeln“ – je nachdem wie es gepflegt wird  –  gepackt und ein Ende scheint noch lange nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil. Es folgten ein viereinhalbmonatiger, 3.500 Kilometer langer Fußmarsch vom Frühstücks– Kipferl am Wiener Kutschkermarkt zum Nachmittagsminztee in Marrakesch, der Alpe Adria Trail, der Lechweg, der Kitzbühler Alpen Trail, der Dolomitenhöhenweg 3, der Gastein Trail, etc. Insofern seien Sie, lieber Leserinnen und Leser, an dieser Stelle vorgewarnt, dass das Weitwandern einen nicht so schnell wieder loslässt, sofern man einmal auf den Geschmack gekommen ist.

Der Lechweg ist prädestiniert um Meditieren mit den Füßen für sich auszuprobieren.

Nicht weit vom Ausgangspunkt des Alpe Adria Trails entfernt, der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe, staunt das Wanderherz über die Gewalt des Großglockners und die schnellvorangehende Gletscherschmelze der letzten Jahre & Jahrzehnt

Schauplatz: Gastein Trail. Nach der ersten Etappe erwartet einem dieHeinreichalm, dann die Biberalm, etc. Selbstgemachte Hüttenspezialitäten, spannende Anekdoten und Berichte von den HüttenwirtInnen selbst, wie sich das Almleben die letzten Jahre verändert hat, sind garantiert.

„GEHsundheit“ durch das in der Natur sein

Eine Beobachtung, die ich insbesondere auf den längeren Zu-Fuß-Reisen mache, ist, dass sich aus einem getakteten Gefühl ein natürlicher Rhythmus entwickelt. Der Zeitforscher Karl-Heinz Geißler, der keine Uhr trägt, in seinem Haushalt keine Zeitmess-Instrumente hängen hat und nur ein Festnetz-Telefon besitzt, weist darauf hin, dass wir die Naturzeit, unsere innere Uhr vergessen haben. Weshalb, so der Zeitforscher, viele Menschen ein Burnout oder einen Herzinfarkt erleiden. Studien (z. B. eine der Pittsburgh University) bestätigen, dass regelmäßiges Wandern in den Bergen das Risiko von altersbedingtem Gedächtnisverlust um 50 % minimiert, die Konzentrationsfähigkeit – durch die erhöhte Sauerstoffaufnahme – steigert oder ähnliche Wirkungen wie ein hochpotentes Antidepressivum hat – in Anbetracht dessen, dass die WHO für 2020 „Depressionen“ als die zweithäufigste Volkskrankheit prognostiziert, könnte man meinen, dass Ärzte*innen und Therapeuten*innen „Gehen“ bzw. „Wandern“ verschreiben sollten. Clemens Arvay, seines Zeichens Biologe und Bestsellerautor (Biophilia-Effekt: Heilung aus dem Wald), hat mir in einem Gespräch begeistert berichtet, dass sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe aus der Waldluft unser Immunsystem nachweislich ausbalancieren und sogar unsere körpereigenen Abwehrkräfte gegenüber Krebserkrankungen fördern. Zu diesen gesunden Stoffen der Natur gehören beispielsweise die Terpene der Bäume, die im Pflanzenreich als "chemische Wörter" der biologischen Kommunikation dienen. Anionen – negativ geladene Sauerstoffteilchen – aktivieren unsere Abwehrkräfte und wirken entzündungshemmend.

Weitwandern füllt von innen

Wenn wir in der Natur gehen, tun wir uns unbestritten etwas Gutes. Wir entspannen, bekommen Abstand vom Alltag, schalten das Smartphone ab bzw. uns selbst ein und entdecken wieder unsere Sinne, unser Wesen, schaffen Nähe zu unserem Ursprung und sind gelöst, weil gegenwärtig. Es entsteht ein pulsierendes Sein. Und je weiter wir wandern, umso weiter wird auch unser Innen voll – durch unvergessliche Naturerlebnisse, anregende Begegnungen und den einen oder anderen Kaiserschmarrn.

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