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ReiseGenuss
06/28/2022

Grenzenlos radeln

Eine Radtour entlang des Iron Curtain Trails ist ein müheloses Dahingleiten – vor allem, wenn man das E-Bike einschaltet. Es bleibt Zeit, sich mit der Natur und der selten friedlichen Geschichte der Grenzregion zu beschäftigen.

von Sophie Neu

Ein Klick auf die Plus-Taste und das Rad rollt. Da kann man noch so unsportlich sein, das E-Bike fährt quasi von allein. In den östlichsten Flachlanden des Weinviertels, dem Marchfeld, braucht man die elektronische Unterstützung nur begrenzt, aber sie ist definitiv von Vorteil, wenn man sich mit der umliegenden Natur und nicht der Gangschaltung befassen will.

 
Und die Natur im Weinviertel und der angrenzenden Slowakei entlang des Radwegs Iron Curtain Trail ist es wert, den Blick vom Fahrrad zu heben. Gerade auf dem flachen Streckenabschnitt zwischen dem österreichischen Hohenau bis zur Burg Devin in der Slowakei bleibt Zeit für Seitenblicke in die Landschaft und deren Geschichte. In zwei bis drei gemächlichen Tagesetappen kann man sich einen Hauch Geschichte beim Radeln um die Nase wehen lassen.
 

Der Weg schlängelt sich beiderseits des ehemaligen eisernen Vorhangs und kreuzt immer wieder die March. Eigentlich beginnt der  Radweg mit  Zweitnamen „EuroVelo 13“ in Gmünd und bahnt sich bis ins ungarische Szentgotthard vierhundert Kilometer durch das ehemals bewachte Grenzland. Ein Grenzland, das sich mittlerweile zur grünen Heimat vieler Tier- und Pflanzenarten entwickelt hat.

Ab Hohenau gleitet man vorbei an grünen Feldern, die bis zu den Kilometern entfernten Weinbergen mit ihren langen Kellergassen reichen. Die grünen Halme wiegen im Wind, während man an ihnen über asphaltierte Wege vorbeiradelt. Daneben blühen im Frühling die Rapsfelder grellgelb. Man sieht, warum von hier aus ganz Österreich mit Gemüse beliefert wird. Abgelöst werden sie immer wieder von Waldsprenkeln, auffällig in der großen Ebene. Kiefern, Lärchen, Föhren, die sich mit ihren Wurzeln gegen den Wind in den sandigen Boden krallen und Radlern Schatten spenden. 


Schwer vorstellbar, dass in dieser friedlichen Kulturlandschaft, durch die man heute sorglos dahinradelt, immer wieder entscheidende Kriege wüteten. Man vermutet heute ein Massengrab aus der mittelalterlichen Schlacht zwischen Ottokar von Böhmen und Rudolf von Habsburg im Marchfeld. Die Schlacht besiegelte im Jahr 1278 die Herrschaft der Habsburger über Österreich. Sie ist eine von vielen, die im Marchfeld geschlagen wurden, das immer ein umkämpftes Grenzgebiet war. 
 

Mitten durch die geschichtsträchtigen Felder mäandert die namensgebende March, die bis heute als Grenzfluss dient. Die  Quellen beidseits des Flusses, die Felder wie auch seichte Teiche speisen, finden früher oder später ihren Weg in die dunkle March, über deren Hochwasserdämme man immer wieder beim Trail radelt. Über die fast stehenden Gewässer freuen sich zahlreiche Insekten.  Und über die wiederum freuen sich die verschiedensten Vogelarten, die die Teiche als Futterstelle nutzen. Und am Anblick erfreuen sich Vorbeifahrende. Es waten Kraniche an dösenden Störchen vorbei, während über ihnen ein Seeadler seine Kreise zieht. 

Die Störche, die in den Teichen in der Slowakei und Österreich sonnen und Futter suchen, haben sich noch nie für menschengemachte Grenzen interessiert, sie nisten in der ganzen Umgebung, aber großteils um das Schloss Marchegg. Hier hat sich die mittlerweile größte mitteleuropäische Storchenkolonie etabliert. Das Klackern der Storchenschnäbel hört man überall im Schlossgarten, der direkt an der Radroute liegt und sich gut für ein Picknick eignet. Im Schloss hat sich Ottokar 1279 auf seine letzte Schlacht vorbereitet – 2022 ist dort die Niederösterreichische Landesausstellung.

Direkt hinter dem Schloss Marchegg passiert man dann in modernere Zeiten – indem man über die kürzlich eingeweihte Fahrradbrücke über die March in die Slowakei fährt. Die  Hochglanz-Brücke und die frisch asphaltierten Wege weichen aber schnell rustikaleren Pfaden und Bunkerresten, die an einen anderen, nicht allzu lang entfernten Konflikt in der Grenzregion erinnern. Fast hört man das Klackern der Montur der Sowjet-Patrouillen, die entlang dieser Wege direkt hinter dem eisernen Vorhang Wache hielten. Jetzt hört man nur das Rütteln des eigenen E-Bikes, wenn es über eine der vielen Unebenheiten des Radwegs hüpft.  
 

Nah liegt die mittelalterliche Burg Devin, die über dem schnellfließenden Zusammenfluss der March und Donau thront. Ein imposantes, wenn auch nachdenklich stimmendes Finale. Denn hier steht das Denkmal für Flüchtlinge, die es während der Sowjet-Ära nicht auf die andere Seite der March geschafft haben, die man heute mit einem Klick auf die Plus-Taste des E-Bike anstrengungslos an der nahen Brücke der Freiheit passiert. Unter ihr erinnern nur stachelige Reste des eisernen Vorhangs an die Vergangenheit. 

Radverleih
E-Bikes gibt es  ab 31 Euro pro Tag in unterschiedlichen Ausführungen zu mieten. Zubehör wie Helme sind ebenfalls erhältlich. Das Unternehmen bietet  geführte E-Bike-Touren durch die Kellergassen und Weinberge des Weinviertels an. Informationen: www.radwerk-w4.at  
 

Iron Curtain Trail
Der Iron Curtain Trail verläuft entlang  der Strecke des ehemaligen eisernen Vorhangs, mal auf österreichischer Seite, mal auf tschechischer oder slowakischer. Informationen: www.ev13.eu/de

Landesausstellung NÖ
Heuer findet die Landesausstellung Niederösterreich im Schloss Marchegg statt. Die interaktive Ausstellung zum Marchfeld lohnt den Besuch: www.noe-landesausstellung.at