© Kurier/Juerg Christandl

02/22/2021

Wien mit anderen Augen betrachten

Obwohl die Touristen ausbleiben, feiern Fremdenführer ihr Comeback. Gehen Sie im kleinen Kreis auf Entdeckungstour.

von Uwe Mauch

Auf der Hand lag natürlich die Führung zu Pest, Cholera und Tuberkulose mit einigen Eckdaten zur Geschichte der Seuchen in Wien sowie Hinweisen auf prominente Opfer wie den Maler Egon Schiele.

Der Moment, in dem ihr Adrenalin wieder zu wirken beginnt: Christa Bauer kann und mag ihn auch gar nicht verheimlichen. Die Präsidentin eines Vereins, der gut 500 geprüfte Wiener Fremdenführer zählt, hat in das Museum für Angewandte Kunst (MAK) an der Wiener Ringstraße gebeten, um dort mit leuchtenden Augen zu berichten, was sie und ihre Kollegen für die Zeit nach dem Lockdown geplant haben.

Servus, Piefke

Die erfahrene Fremdenführerin will sich nicht in Selbstmitleid üben, das entspricht nicht ihrem Naturell: Ja, es stimmt schon, ihre chinesischsprachigen Kollegen waren in Österreich tatsächlich die ersten Leidtragenden der globalen Pandemie: „Ihre Kunden blieben schon zu Weihnachten 2019 aus.“

Doch die Guides haben sich in den Monaten der Isolation nicht aufgegeben, ganz im Gegenteil: „Wir sind nach dem Homeoffice voller Ideen“, betont Christa Bauer. „Es wurden von den Kollegen unzählige neue Themen von zu Hause aus erschlossen.“

Neu sind auch einige Grätzelführungen: zum Beispiel durch das unbekannte Rodaun, zur ehemaligen Vorstadt Margareten, zu den Gemeindebauten in Simmering, nach Sankt Marx oder auch zum Fußball in Floridsdorf.

Bereits bestehende Angebote mussten wiederum adaptiert werden, wie Christa Bauer aus eigener Erfahrung weiß: Bei ihrer Führung „Servus, Piefke“ fällt bis auf Weiteres die Hälfte ihrer Klientel (die, um die es geht) aus. So wie viele Touren wird sie daher nun speziell für in Österreich Lebende angeboten.

Noch ist die eine oder andere Führung Zukunftsmusik. Laut der derzeit gültigen Verordnung des Gesundheitsministeriums dürfen Österreichs Fremdenführer wieder ihrer Arbeit nachgehen, wenn auch mit Einschränkungen, wie Christa Bauer betont: „Wir dürfen nur im Freien führen, und bei einer Führung dürfen maximal vier Leute aus maximal zwei Haushalten teilnehmen, wobei der Guide bereits als ein Haushalt gilt.“

Das heißt in der Praxis: „Wenn sich bis zu drei Menschen aus einem Haushalt anmelden, könnten wir losstarten.“ Die Betonung liegt auf dem Könnten: „Damit sich das für uns einigermaßen rentiert, müssen wir jedes Mal den Tarif einer privaten Einzelführung verrechnen.“

Bisher wurde dieses Angebot kaum angenommen, aber die Niederösterreicherin, die in ihrem früheren Beruf als Product Managerin in der Reisebürobranche weit gereist ist, bleibt weiterhin positiv – das erfordert ihr Beruf: „Was derzeit noch nicht ist, kann ja noch werden.“

Positiv gestimmt

Als Vereinsoberhaupt ist Christa Bauer natürlich auch bestens informiert, wie es ihren Kollegen in den vergangenen Monaten ergangen ist: „Laut einer Studie der europäischen Fremdenführer verzeichnen wir hier in Österreich einen Umsatzrückgang von durchschnittlich 80 Prozent.“ Die meisten hatten sogar einen Totalausfall.

Für den Welttag der Fremdenführer, der am Sonntag, 21. Februar zum 32. Mal stattfand, haben die Wiener Fremdenführer einiges vorbereitet. In Kooperation mit dem Wiener MAK hat man mehrere virtuelle Führungen durch eines der schönsten Wiener Museen und auch zwei Vorträge vorbereitet.

So wie zu jedem Welttag haben einige Wiener Fremdenführer in Eigenregie auch wieder ein lesenswertes Magazin produziert, das kostenlos abgegeben wird.

Und dann schoss es erneut ein, das Adrenalin der Fremdenführerin. Wortreich gelingt es Christa Bauer, die Aufmerksamkeit der Reporter auf das düstere Schlafzimmer der Karoline Neubacher im ersten Stock des MAK zu lenken: „Das ist hier ein Treppenwitz der Geschichte.“

Das Schlafzimmer wurde in den 1920er-Jahren von Margarete Schütte-Lihotzky entworfen, jener berühmten Wiener Architektin, die wenig später von den Nazis verfolgt, inhaftiert und zum Tode verurteilt wurde. Dazu weiß Christa Bauer zu berichten: „Karoline Neubachers Mann war übrigens Wiens erster Bürgermeister nach der Machtergreifung der Nazis.“

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.